GARTENBAU

Der Gartenbauunterricht und der Schulgarten sind feste Bestandteile des Waldorflehrplans. Dabei stehen die Schüler in ihrer jeweiligen Entwicklung, der Schulgarten und die Natur als Gesamtes im Mittelpunkt. Die Schüler sollen die Schönheit und Vielfalt der Natur entdecken und erleben. Durch wachsendes Fachwissen und gestaltende Arbeit an der Natur entwickelt sie Urteilsvermögen und Verantwortungsbewusstsein. So wird der Schulgarten als Kulturraum geschaffen und gestaltet und Schönheit, Sinn und Fülle können erlebt werden. Ein Gefühl der Dankbarkeit und Ehrfurcht der Natur gegenüber kann somit erwachsen und den Menschen begleiten.

Erfahrungen mit dem Gartenbau durch die Schulzeit

Zur Einschulung erhält jedes Kind eine Sonnenblume aus dem Schulgarten. Im darauffolgenden Frühling säen die Kinder dann wiederum neue Sonnenblumen, die dann im neuen Schuljahr an die neuen Erstklässler gegeben werden können.

Eine Feldbauepoche in der 3. Klasse beinhaltet alle Schritte der landwirtschaftlichen Kultur: Pflügen, Eggen und Säen im Herbst und das Wahrnehmen des unscheinbaren Wachstums über den Winter und das kraftvolle Schossen im Frühling. Kurz vor den Sommerferien wird das reife Getreide mit der Sense und Sichel gemäht und in Garben nachgetrocknet. Zu Beginn der 4. Klasse werden die Garben mit dem Flegel ausgedroschen, das Korn gereinigt und zum Teil der 3. Klasse als Saatgut übergeben. Nach dem Mahlen wird erlebt, wie sich das Mehl unter den fleißigen Händen im Laufe des Vormittags zu Brot verwandelt. Nach fast einem Jahr gemeinsamen Tuns nimmt jeder Schüler seinen Laib Brot mit nach Hause.

In der 6. Klasse beginnt die Gartenbauzeit. Die Schüler erleben im Schulgarten die jahreszeitliche Entwicklung und die daraus erwachsenden Arbeiten. Dabei lernen sie die grundlegenden gärtnerischen Abläufe und Tätigkeiten.

Im Mittelpunkt der 7. Und 8. Klasse steht das eigene Beet. In den Wintermonaten werden fachliche Grundlagen und ein Anbauplan erarbeitet. Nach dieser individuell erstellten Vorlage bebaut jeder Schüler im Frühjahr sein eigenes Beet. In der fortlaufenden Pflege und Ernte erleben die Schüler, wie die Pflanzen unter ihrer Obhut wachsen, um schließlich frisch verspeist, mit nach Hause genommen oder in die Schulmensa gebracht werden zu können.

Menschenkundliche Aspekte

In den ersten Klassen widmen sich die Schüler vertrauensvoll und mit Feuereifer den ihnen gestellten Aufgaben, die mit der Arbeit an ihrem Getreidefeld ihren Höhepunkt finden. Hier erleben sie sich mit ihrer sinnvoll eingesetzten Kraft im Zusammenklingen mit der Natur.

Nachdem sich die Schüler in der 4. und 5. Klasse im Hauptunterricht mit Einblicken in das Tierreich und die Pflanzenwelt beschäftigt haben, beginnt in der 6. Klasse die Zeit der praktisch erfahrbaren Biologie im Gartenbauunterricht. Im Schulgarten finden sie ein Feld vor, in dem sie in sinnvollen Arbeitsschritten den Lebensbedingungen für das Wachstum der Pflanzen näher kommen. Mit wachsendem Sachverstand können die Schüler am Strom der Schöpfung teilhaben.
Der 6-Klässler ist jetzt in der Lage, Zusammenhänge zu entdecken: Ursachen und ihre Auswirkungen werden deutlich und die Bezüge zum eigenen Erleben werden sichtbar. Jetzt braucht jeder seinen eigenen Zugang zu der ihm aufgetragenen Arbeit. Hier kann neben Freude und Befriedigung an sinnvoller Tätigkeit auch Unlust und Widerstand entstehen. Klar erreichbare Arbeitsziele sind hilfreich und ermöglichen jetzt, die Hindernisse zu überwinden. Das Erlebnis, etwas Sinnvolles geschaffen zu haben und dabei wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden, verbindet den Schüler mit seiner Tätigkeit. Aus dem wachsenden Vertrauen in die eigene Geschicklichkeit und Kraft entsteht Lebenssicherheit.
In der 7. Klasse wächst das Empfinden, eine eigenständige Persönlichkeit zu sein. Zur Bereitschaft, sich einzufügen und die angelegten Gewohnheiten fortzuführen, kommt der eigen Wille immer deutlicher zum Vorschein. Das Bedürfnis, eigene Erfahrungen zu machen und seinen Weg unabhängig vom Erwachsenen zu finden, läutet die Pubertät ein. Das eigene Beet bietet hier einen reich gedeckten Tisch. Jetzt kann der Schüler im gesetzten Rahmen frei zusammenstellen, was ihm schmeckt und gefällt. Im Feedback der Ernte wird sein Einsatz unmittelbar belohnt.
In der 8. Klasse haben sich die Schüler mittlerweile so viele Grundlagen erworben, dass sie selbständig und verantwortlich Projekte bearbeiten und so eine große Hilfe im lebendigen Geschehen des Schulgartens sein können. Hier bietet sich ein Raum, in dem Entwicklung zu eigenständigem Tun vollzogen wird.

Michael Giebler, Gartenbaulehrer