RUSSISCH

Warum an unserer Schule Russisch unterrichtet wird

Die Frage, warum an unserer Schule die Fremdsprache Russisch unterrichtet wird, ist so alt wie die Schule selbst und wird immer wieder von den Eltern vor der Einschulung gestellt sowie auch in späteren Jahren, wenn - meist in den Mittelstufenklassen - bei den eigenen Kindern Lernschwierigkeiten im Fremdsprachenbereich zu Tage treten und das Lernfach Russisch als überflüssiger Ballast empfunden wird.

Russisch gehört an Schulen nicht selbstverständlich zum Fächerkanon wie anderes, z. B. Deutsch, Mathematik oder Geschichte, doch mag die Frage erlaubt sein, warum man denn nicht auch in Bezug auf diese Fächer nach dem Gebrauchswert der Inhalte fragt.
Sollte denn nun aber die Kenntnis der russischen Sprache wirklich keinen Gebrauchswert haben?

Russisch – eine Weltsprache

Nun gut, Englisch ist unbestritten die Weltsprache Nr. 1 und deshalb lernen wir sie ja auch alle. Aber ist Russisch, eine der zwölf slawischen Einzelsprachen, nicht auch eine Weltsprache? Hinsichtlich der Sprecherzahl ( es sind ca. 250 Millionen ), der territorialen Verbreitung sowie der politischen und kulturellen Bedeutung des Landes, in dem die Sprache gesprochen wird ( Russisch ist eine der sechs offiziellen Konferenzsprachen der UNO, wichtige Welthandelssprache sowie eine der bedeutendsten Wissenschaftssprachen ), wird man diese Frage jedenfalls nicht mit einem klaren Nein beantworten können.
Aber selbst wenn man dem Russischen nicht den Rang einer Weltsprache zugestehen mag, so verlangt doch unsere heute immer näher zusammenwachsende, sogenannte globalisierte Welt durchaus auch vom bisher üblichen abweichende Fremdsprachenkenntnisse, und ist in diesem Zusammenhang der Hinweis auf die geografische Nähe Frankreichs, Spaniens oder Italiens als Begründung dafür, doch eher die Sprachen dieser Länder lernen zu wollen, ein wirklich schlagkräftiges Argument? Und wenn man schon die Geografie bemüht - gehört Russland, zumindest bis zum Uralgebirge, nicht auch zu Europa und ist nicht durch die EU-Osterweiterung der slawische Raum nun endlich auch politisch stärker in unser Bewusstsein gerückt ?

Russisch und der Arbeitsmarkt

Ohne Frage sind auch die Kenntnisse der erwähnten westlichen Sprachen eine wertvolle Qualifikation, aber sollen wir an unserer Schule denn unbedingt diese Fremdsprachen anbieten, nur weil sie an anderen Schulen auch angeboten werden? Verlangt nicht der Arbeitsmarkt von heute und erst recht der der Zukunft gerade auch die ausgefallenere Qualifikation, die Kenntnis gerade dessen, was eben nicht jeder kann? Kann man angesichts dieses sich auch schnell wandelnden Arbeitsmarkts wirklich bereits in der Schulzeit wissen, was man später einmal brauchen wird? Weiß man es denn bei Berufsantritt auf 35 bis 40 Arbeitsjahre im Voraus, welche Qualifikationen vonnöten sein werden?

Russisch - ein Beitrag zur “Bildung”

Für jemanden, der Russisch gelernt hat, das mit seinen klaren Strukturen und seinem Formenreichtum dem Lateinischen vergleichbar ist, ist es in der Folge ein leichtes, sich weitere moderne Fremdsprachen nach Bedarf und Belieben anzueignen, neben westlichen insbesondere natürlich alle slawischen Sprachen, die immerhin die größte europäische Sprachfamilie darstellen.

Was die Unterrichtsfächer - und zwar alle - an Lerninhalten den Schülern bieten, dient nicht einer direkten Vorbereitung auf einen Beruf hin. ”Bildung” kann andererseits nie inhaltsfrei vermittelt werden. Aber selbst wenn heute aufgrund der Fülle und des rasanten Zuwachses an Wissen niemand mehr ”Allgemeinbildung” zu definieren vermag, so steht dem mündigen Zeitgenossen seines jeweiligen Kulturkreises eine möglichst umfängliche Bildung durchaus gut an und stellt in ihrer Zweckfreiheit einen Wert an sich dar, den man nicht hoch genug veranschlagen kann, weshalb wir uns gerade im Schulzusammenhang diese Bildung noch gönnen sollten.

Russisch – Schulung und Erziehung

Wichtig ist aber nicht nur, d a s s der Schüler etwas lernt und w e l c h e n Lernstoff er aufnimmt, sondern auch das, was er a n den Unterrichtsinhalten lernt, wobei er Fähigkeiten und praktische Fertigkeiten erwirbt, die er dann vielleicht auf ganz anderen Gebieten zur Anwendung bringen kann.

All die oben erwähnten Nützlichkeitserwägungen allein würden uns also nicht genügen, das Fach Russisch als Bestandteil unseres waldorfpädagogischen Gesamtkonzepts anzubieten, würden die Fremdsprachen im allgemeinen sowie das Russische in spezifischer Weise nicht auch einen entwicklungsfördernden Beitrag zu Bildung und Erziehung der Heranwachsenden leisten.

Fremdsprachenerwerb ist Willenserziehung und somit am ehesten dem Instrumentalunterricht in der Musik vergleichbar, denn hier wie dort ist das Element regelmäßiger Übung unabdingbare Voraussetzung für Fortschritt und Erfolg.
Die besondere Willensschulung durch die russische Sprache beginnt schon mit der Aussprache, da hier über die bei jedem Fremdsprachenerwerb notwendige Veränderung der Artikulationsbasis hinaus eine feine Unterscheidung zwischen harten und weichen Konsonanten erfolgen muss, die das Hörverstehen schult und beim Sprechen eine ausgesprochene Zungenfertigkeit erfordert.

Durch das induktive Finden und Einprägen grammatischer Regeln wird zwischen dem 9. und 12. Lebensjahr die Ich-Entwicklung gefördert. Nachdem der Schüler in den Anfangsjahren noch unbewusst nachahmend in die Fremdsprache auf ähnliche Weise „eintaucht” wie beim Erwerb seiner Muttersprache, muss er sich nunmehr die ihm eben doch zunächst fremde Sprache durch distanziertere Betrachtung, Analyse und Systematisierung sprachlicher Phänomene gleichsam in einem zweiten Anlauf bewusst aneignen.

Spracherwerb und Denkentwicklung

Die Beschäftigung mit Grammatik, die Bewusstwerdung sprachlicher Strukturen, insbesondere in den Mittelstufenjahren (6. bis 8. Klasse), bildet bei den Schülern die Denkfähigkeit aus. Dass das Denken und Sprechen in ihrer Entwicklung eng miteinander verknüpft sind, Sprach- und Denkstrukturen sich geradezu gegenseitig bedingen, ist heute wissenschaftlich gesicherte Kenntnis.
Dieser unmittelbare Zusammenhang impliziert aber auch eine Determinierung, die Einschränkung, durch seine Muttersprache auf eine bestimmte Art zu Denken festgelegt zu sein, durch sie eine spezifische Prägung zu erfahren, die uns nur einen "Ausschnitt" der Welt erschließt. Somit wird mit jeder Fremdsprache, die zusätzlich erworben wird, dieser Weltausschnitt vergrößert und durch andersartige grammatische und semantische Strukturen unsere Denkmuster erweitert.
Da wir die Muttersprache intuitiv, also anders als eine Fremdsprache lernen, ist man sich über die Struktur der eigenen Sprache meist wenig im klaren, sie ist uns zu nah und daher zu selbstverständlich, als dass wir uns ihrer bewusst sind. Erst durch den kontrastiven Vergleich mit einer oder mehreren Fremdsprachen durchschauen wir, wie Sprachen aufgebaut sind, welche "Bauelemente" sich bei allen oder zumindest vielen Sprachen gleichermaßen finden ( Universalien ) und welche dagegen unterschiedlich sind.

Russisch, Englisch, Deutsch
Vergleich unterschiedlicher Strukturen

Nun ist es so, dass sich die grammatischen Strukturen des Englischen und des Russischen in geradezu extremer Weise voneinander unterscheiden, der Kontrast zwischen beiden Sprachen und ihre komplementäre wechselseitige Ergänzung somit einen besonders großen entwicklungsfördernden Lerneffekt erzielen.

Das Englische hat im Laufe seiner Entwicklung seine Flexionsendungen und Wortbildungselemente weitestgehend verloren. Dies führte dazu, dass Präpositionen, deren Bestimmung es ist, die logisch-grammatischen Beziehungen der einzelnen Satzglieder zu präzisieren, die Funktion der fehlenden Flexionsendungen übernehmen mussten. Die Präpositionen gehören aber zu jenen Elementen in der Fremdsprache, die am längsten der Bewältigung durch den Lernenden trotzen, da dieser immer wieder versucht ist, den Gebrauch der Präpositionen seiner Muttersprache auf die Fremdsprache zu übertragen, die Bedeutungsaufspaltung der Präpositionen in jeder Sprache aber ihrer eigenen Wege geht (vgl: auf der Straße / in the street).
Eine weitere Folge des Verlusts der Flexionsendungen ist die, dass im Englischen der Satzbau nach einem starren Schema festgelegt sein muss: Subjekt - Prädikat - Objekt ist die unveränderliche Reihenfolge der Satzglieder, bei adverbialen Bestimmungen heißt die Regel "Ort vor Zeit ".

Ganz anders verhält es sich im Russischen. Hier gibt es ein umfangreiches Flexionssystem mit sechs Fällen und drei Geschlechtern auf drei verschiedene Substantivdeklinationen verteilt, eine eigene Adjektiv- und Pronominaldeklination und selbstverständlich auch die Konjugation der Verben, bei der im Singular des Präteritums sogar noch nach grammatischem bzw. natürlichem Geschlecht differenziert wird.
Der Vorteil dieses Systems ist, dass es die unterschiedlichsten Satzbaumuster ermöglicht, die Reihenfolge der Satzglieder beinahe beliebig frei gewählt werden kann.

Das Deutsche nimmt hinsichtlich der Fülle der Flexionsendungen eine mittlere Stellung zwischen dem Russischen und Englischen ein. Die Deklination beschränkt sich hier weitgehend auf die Artikel ( der Mann, dem Mann, den Mann, ein Mann, einem Mann, einen Mann ), eine Wortart, die die russische Sprache bezeichnenderweise nicht kennt. Es ist somit der Artikel nicht nur das ”Geschlechtswort”, sondern seine Deklination regelt auch die syntaktischen Zusammenhänge ( vgl.: ”das macht die Gewohnheit” vs. ”die Macht der Gewohnheit” ).

Russisch - harte Kost für unsere Schüler ?

Zugegeben, die angedeutete Komplexität der grammatischen Strukturen des Russischen stellen durchaus auch eine Herausforderung an den Schüler dar, doch sind die Herausforderungen der englischen Sprache im Grunde nicht geringer, sie liegen nur auf anderen Gebieten, nämlich dem der idiomatischen Wendungen und der Bewältigung des ungeheuer umfänglichen Wortschatzes, der sich ja aus zwei Strömen, dem germanischen und romanischen, speist.

Unsere Schüler jedenfalls kommen entweder mit beiden Sprachen zurecht, oder sie haben grundsätzlich Schwierigkeiten im Sprachlichen, dann treten diese Schwierigkeiten im Englischen wie Russischen gleichermaßen zu Tage. Nicht uninteressant ist aber, dass viele Schüler eines Abiturjahrgangs den Prüfungsschwerpunkt bei den Sprachen mit einer schriftlichen Klausur im Fach Russisch wählen, und die Ergebnisse können sich – auch im Vergleich zu anderen Schulen – durchaus sehen lassen.

Aber wie dem auch sei, wie sollte der Schüler Entwicklungsschritte machen, woran sollte er schließlich wachsen, würden wir ihn nicht auch vor die eine oder andere Herausforderung stellen?

Karlheinz N o l l

Studium der Slavistik und Anglistik,
seit 1988 Russischlehrer an der Freien Waldorfschule Überlingen.


Artikel in der Erziehungskunst 1999/12 Russland wohin? Russisch wozu? pdf