GRÜNDUNG UND GESCHICHTE

Wie entstand die Idee zu dieser Schule?

Sie entstand in einem Gespräch zwischen Siegfried Schmock und Manfred Hahn auf einem Spaziergang in Rengoldshausen. Das war im Mai 1970.
Siegfried Schmock leitete als Heilpädagoge das Troxlerhaus in Wuppertal. Er arbeitete an der Entwicklung von Werkstätten und der Schulung von Werkstattleitern für seelenpflegebedürftige Erwachsene.
Manfred Hahn, damals 36 Jahre alt, war Sozialpädagoge und Betriebsberater in Stuttgart. Als Mitarbeiter des NPI 3 leitete er verschiedene Kurse für Führungskräfte verschiedenster Industriebetriebe. Da ging es um das Erüben sozialer Fähigkeiten zum Ziele produktiver Zusammenarbeit. In dieser Erwachsenenbildung machte er die einschlägige Erfahrung, dass zunächst allerorts Begeisterung entstand, dann jedoch meistens eine gewisse Resignation folgte, weil das Neugewonnene in den Betrieben mit ihren eingefahrenen Strukturen nicht im erhofften Maße umgesetzt werden konnte.

In dieser Sinnkrise gewann er aus der anthroposophischen Menschenkunde die Einsicht, dass die angestrebten sozialen Fähigkeiten im Jugendalter zwischen dem 14. und 21. Lebensjahr veranlagt werden. Das lenkte sein Interesse in neuer Weise auf die Pädagogik Rudolf Steiners, in der um eine zukünftige Gestaltung der Oberstufen und um Formen einer fruchtbaren Zusammenarbeit in den Kollegien gerungen wurde. Als sich in diesem Zusammenhang kein konkretes Betätigungsfeld eröffnete, kam es zu dem oben erwähnten Freundesgespräch mit Siegfried Schmock: „Du musst es machen!“ und gemeint war: Eine Schule gründen! Dem Argument: „Ich bin doch kein Lehrer!“ wurde die ermunternde Aufforderung entgegengehalten: „Die musst du dir suchen, und wenn deine Ideen einer Notwendigkeit entsprechen, wird es auch Gleichgesinnte geben, die verwandte Ziele in sich tragen.“
Die Idee war aufgeleuchtet, der Entschluss gefasst, der Ort war Rengoldshausen am Bodensee. Dort gab es auf der geographischen Karte der Waldorfschulen noch einen weißen Fleck.
Schon Jahre zuvor (um 1966) hatte Manfred Hahn mit seiner jungen Familie auf dem Hofgut gelebt und von dort seine Arbeit am NPI getan. Erst viel später tauchte eine Erinnerung an eine Episode aus der Vergangenheit auf, dass nämlich Frau Dr. Cornelia Hahn von einer Veranstaltung in Föhrenbühl nachhause kam mit der Anfrage von Rosemarie Wallén, einer Heilpädagogin, die später als Kollegin in unserer Oberstufe mitwirkte: „Könnt ihr uns hier nicht eine Waldorfschule bauen?“ – Diese Frage blieb wie ein Urkeim im Raum stehen. Manfred Hahn konnte sie in seiner damaligen Situation nicht aufgreifen. Er war doch kein Lehrer!

Wie kam es zur anfänglichen Kollegiumsbildung?
Wie entstanden die ersten Elternkontakte?

Vom Frühsommer 1970 an luden Manfred und Dr. Cornelia Hahn, unsere spätere Schulärztin, zu regelmäßigen Treffen in ihr Haus in Stuttgart ein. Da kamen Menschen aus verschiedenen Berufsbereichen, keinesfalls nur Lehrer, die sich an der Schulgründungsidee erwärmten, die bereit waren, sie zu begleiten und zu unterstützen. – So wurden „fern vom Bodensee“ die Zukunftspläne entwickelt und schließlich eine Fahrt geplant, auf der zwei unserer Vorbereitungsgruppe ein mögliches Eltern-Interesse vor Ort erkunden sollten.
So kamen wir, Manfred Hahn und Elisabeth Wilde, zunächst nach Wahlwies, erhielten dort eine Kontaktadresse für Litzelstetten bei Konstanz, wo es zu einer unvergesslichen, ersten Elternbegegnung kam. Wir gelangten zu einem Haus mit zwei Familien, von denen wir erfuhren, dass sie bereits mit einer ganzen Anzahl von Familien im Gespräch waren mit der schon länger brennenden Frage: Wie können wir hier für unsere Kinder eine Waldorfschule herbekommen?
Von uns nun hörten sie, dass wir nur zwei Vertreter einer ganzen Gruppe von gründungswilligen Kollegen seien. Dieses unerwartete Zusammentreffen auf ein gleiches Ziel ausgerichteter Intentionen, löste auf unserer genauso wie auf der Elternseite Überraschung, Freude, Staunen und wahre Begeisterung aus und auch tiefe Dankbarkeit für eine so offensichtliche Schicksalsfügung.

Noch am gleichen Abend fanden wir uns nach einer spontanen Telefonaktion in einer gedrängten Runde zu unserem Ur-Elternabend zusammen.

Es entstand große Einigkeit darin, dass eine auf allseitige Freiwilligkeit gebaute Schule sich nur durch ein starkes, aktives Engagement der Eltern entwickeln könne. So übernahmen diese Eltern bereitwillig die Organisation der zukünftigen Elternarbeit bis zum Beginn der Schule; das hieß: Orte, Räume, Termine, Fragestellungen der Eltern, Bekanntmachung, …. . Wir versprachen rund um den westlichen Bodensee in wechselnder Besetzung auf ihre Einladungen hin zu erscheinen. – So folgten ab Herbst 1970 40 Elternabende, ein Teil davon dort in „Übersee“, wie wir scherzhaft sagten, die übrigen am „Nordufer“, zumeist in Überlingen, aber auch in Friedrichshafen, Ravensburg und auf der Höri. Ein großer Kinderstrom kam von den Mitarbeitern der umliegenden heilpädagogischen Institute auf uns zu, sodass am 13. September 1972 die Schule mit 162 Kindern in den ersten vier Klassenstufen eröffnet werden konnte. Die 4. Klasse hatte wegen der großen Nachfrage eine Parallelklasse. Die Kinder kamen aus einem weiten Umkreis, der damals noch Singen im Westen, Friedrichshafen im Osten, Ravensburg im Norden und Konstanz im Süden umfasste.

Warum wurde hier, in einer vergleichsweise kleinen Stadtgemeinde eine so große zweizügige Schule gebaut?

Allein die Kinder der Heilpädagogen aus den zahlreichen umliegenden Heimen zusammen mit unseren Kollegen- und Mitarbeiterkindern hätten die Klassen gefüllt. So hätte unsere Schule kaum neue Familien aus der Gegend aufnehmen können.

Wie kam es zur Wahl des Standortes?

Nach einigen Bemühungen und verschiedenen Angeboten kam es zur Entscheidung für das heutige Schulgelände. Das war zu Beginn unserer Schulgründung das größte Geschenk!
Die Familie Voith als langjährige Eigentümer (seit 1932) bot uns dieses hofnahe Gelände an für unsere zukünftigen Schulbauten. Diese und der Pächter und Landwirt Alfred Greiner, der bereits jahrelang das Land belebt und bearbeitet hatte, brachten das Opfer besonders wertvollen Ackerbodens. Sie unterstützten auf liebevolle Weise anstelle ihrer Demeter-Früchte das Wachsen und Werden der vielen zukünftigen „Waldorf-Früchtchen“.

Wie kam es zu dieser Baugestalt?

Mit dem Künstler Wilfried Ogilvie von der Alanus Hochschule wurden die Formen erarbeitet. Das Architekturbüro Bockemühl & Partner erstellte die Werkpläne. Die Bauhütte, unter der Leitung von Manfred Hahn, entstand und übernahm den überwiegenden Teil der Gewerke. Durch außergewöhnliche Zusammenarbeit der Zimmerei mit dem Büro Bernauer (Statik und Vermessung) konnten die schwingenden Dachformen bewältigt werden.

Bewusst griffen wir Bauelemente aus der Bodenseelandschaft auf, z. B. die Biberschwanz-Ziegel des Daches, die in der Überlinger Altstadt zu sehen sind; ebenso das einfache Mauerwerk im ersten, das Fachwerk im 2. Stockwerk, wie es uns bei den Bauernhäusern dieser Region vertraut ist.
1976 wurde der erste Grundstein im Osten gelegt,
1977 der zweite im Westen,
1983 der dritte in der Mitte, im fertigen Foyer.
Für die Anordnung der Räume wurde an ein „Dorf“ gedacht. Um den Platz in der Mitte gruppieren sich die Gebäude: zwei Unterstufen mit jeweils 8 Klassen, eine im Osten, eine im Westen. Über beiden die Oberstufe verteilt. Im Osten mehr die künstlerischen Räume, im Westen die Naturwissenschaft. Die von allen gemeinsam genutzten Räume in der Mitte um das Foyer herum – Mensa mit Küchenhaus, Saalbau und Bühnenhaus, Verwaltung, Lehrerzimmer, großer Konferenzraum und Handlungsraum, große Bibliothek. Die Dächer teils einzeln herausragend, aber doch im Zusammenhang der großen schwingenden Linie miteinander verbunden. Um den Bau herum die verschiedenen Pausenflächen, Gartenbau, Sportplatz, Werkstattbauten, Heizhaus.


Bericht über die Schule in der Erziehungskunst-03-1988

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